DIE GESCHICHTE DES SCHLAGERS (3)

Source: Dieter Thomas Heck und Heino in der ZDF Hitparade. Foto © picture alliance




3. Songcontest, Krautrock, NDW



1955 schlug der Generaldirektor des Schweizer TV-Senders SRG und Vorsitzender der Programmkommission der Europäischen Rundfunkunion (EBU) Marcel Bezençon bei einer Konferenz in Monaco einen europäischen Schlagerwettbewerb vor. Im darauffolgenden Jahr nahm der Grand Prix Eurovision de la Chanson, heute als Eurovision Song Contest bekannt, seinen Anfang. Dies machte den heimischen Schlager über die deutschsprachigen Raum hinaus weiter bekannt. Da es beim ersten Songcontest nur 7 Teilnehmerländer gab, durfte jedes Land mit zwei Beiträgen antreten. Gewinnerin war die Schweizerin Lys Assia (siehe unten), die Bundesrepublik Deutschland schickte Walter Andreas Schwarz (4. Platz) und Freddy Quinn (11. Platz) ins Rennen. Österreich trat erstmals im darauffolgenden Jahr an, belegte allerdings mit Bob Martin den letzten Platz. Der Sieg sollte der Alpenrepublik erst 1966 mit Udo Jürgens' Merci, Cherie beschieden sein. Die BRD gewann erst 1982 mit Nicole's Ein bisschen Frieden.


1956 erschien der bis dato erfolgreichste Heimatfilm Die Trapp-Familie, der als einer von Wenigen über die Zustände während des Zweiten Weltkriegs, insbesondere die Flucht der gleichnamigen Familie nach Amerika berichtete, frei basierend auf den Berichten von Maria Augusta Trapp. Der Film erwies sich als derart erfolgreich, dass er 1959 in geschönter Musicalfassung das amerikanische Publikum verzauberte und 1965 unter der Regie von Robert Wise mit Julie Andrews und Christopher Plummer in den Hauptrollen neu verfilmt wurde. Der Name der Hollywood-Version lautete The Sound of Music. Obwohl er im Ausland zu einem der besten Filme aller Zeiten gekürt wurde, konnte er sich ironischerweise im deutschsprachigen Raum nicht gegen das Original durchsetzen. All das hatte der Schlager und Volksmusik-Szene zu enormem Aufschwung verholfen. Doch neue Konkurrenz war bereits am Horizont auszumachen...





In Amerika entwickelten sich neue Formen der Musik die peu à peu auch bei der europäischen Jugend ankamen: Neue Varianten von Jazz, Rhythm & Blues, Rock and Roll. Mit ihnen sollten sich auch neue Subkulturen entwickeln wie die Teds und die Mods. Der traditionellen Schlager und die Volksmusik machten dagegen einen zunehmend verstaubten und spießigen Eindruck. Was zunächst verschmerzbar war. Was machte es schon wenn ab und an ein Elvis Presley die Hitparaden für sich einnahm? Doch spätestens mit dem Aufkommen der Beat-Musik in den 60ern, dank einer gewissen Gruppe von Pilzköpfen aus Liverpool, waren Schlager und Volksmusik dabei den Staub ihrer Konkurrenz zu fressen. Der Anteil deutschsprachiger Nummer-1-Hits fiel ab 1966 von unter 50 % auf mickrige 5 %. ORF-Generalintendant Gerd Bacher führte 1968 sogar den sogenannten "Schnulzenerlass" ein, der die Quote deutschsprachiger Musik auf Ö3 drastisch senkte.


Um nicht komplett ins Abseits zu geraten spaltete sich der Schlager in den 1960ern in zwei Formen auf: Seine klassische Variante die sich mehr denn je in einem Topf mit der Volksmusik fand und der heimische Pop, der sich mehr dem Neuen öffnete und bereit war zu "experimentieren". Im Vergleich zu früher, führten Beide jedoch ein Nischendasein im Schatten der großen Stars von Übersee. Heimische Musik galt bei der Jugend einfach als uncool, sehr zum Leitwesen auch der Nachwuchsbands, die sich nicht über einen Kamm scheren lassen wollten. Aus dieser Problematik und den Einflüssen der 68er Bewegung heraus, welche die Musik aus den USA und UK zwar schätzte, dem damit verbundenen Imperialismus aber skeptisch gegenüber stand, entwickelte sich Ende der 1960er der Krautrock.


Durch Bands wie Kraftwerk - schon bevor sie elektronische Musik machten - Neu!, Can und Amon Düül gewann der Krautrock zunehmend an Bedeutung, auch international. Es fanden auch langsam wieder deutsche Texte Verwendung, wenn auch in minimalistischer und weniger eindeutiger Form. Bestes Beispiel hierfür ist Kraftwerk's 1974-Hit Autobahn, mit seinem repetitiven "Wir fahren fahren fahren auf der Autobahn". (Der überraschende Erfolg der Gruppe mit ihren kalt anmutenden Synthesizer-Klängen, sowie die elektronischen Spielereien in der Diskomusik, allen voran der italienische Komponist Giorgio Moroder, inspirierten die Schlager-Szene übrigens später dazu ihre teuren Begleitorchester durch entsprechende Geräte zu ersetzten.)

 





In den 1970ern feierten Schlager und deutscher Pop durch die zunehmende Verbreitung des Fernsehens ein Comeback, mit Sendungen wie der ZDF-Hitparade wurde noch einmal alles gegeben. Es war die Blütezeit von Stars wie Michael Holm, Udo und Andrea Jürgens, Christian Anders, Peter Maffay, Roy Black, Heino und viele andere. Insgesamt wurde nach Vorbild der Beatles ein stärkerer Personenkult gepflegt, auch was die Moderation betraf - man nehme nur Dieter Thomas Heck - wobei die 70er auch viele One-Hit-Wonder mit sich brachten. Auch vermengte man die Musik stärker denn je mit zeitgenössischeren Genres wie Rock und Disco, um einen etwas frischeren, hipperen Schlagerpop zu kreieren. In Österreich und dem bayrischen Raum stampfte zu der Zeit der mehr dialektbasierte Alpenrock aus dem Boden, dem wir Legenden wie Wolfgang Ambros oder Konstantin Wecker zu verdanken haben. 


Aus dem Krautrock entstanden neue, weniger experimentelle Gruppen, die sich ebenfalls im Geist der 68er Bewegung sehr politisch und sozialkritisch gaben, darunter Floh de Cologne, Schroeder Roadshow, Lokomotive Kreuzberg und Ton Steine Scherben. Deutschsprachige Musik mit politischem Anspruch, die aber auch gut im Ohr lag. Dies sollte aber erst der Anfang sein: Nina Hagen die 1974 selbst noch mit Du hast den Farbfilm vergessen ein kleiner Schlagerstar in der DDR gewesen war, reiste 1976 nach England um sich der dortigen Punkszene anzuschließen und kehrte 1977 zurück um mit ihrer neugegründeten Nina Hagen Band die Germanen zu schocken. 1979 gründete sich in Düsseldorf die Rockband Fehlfarben, welche ebenfalls aus dem Alt-Punk kam und zu Vorreitern des NDW und noch später, der Hamburger Schule wurde. Immer mehr Rock- und Punkbands krachten aus dem Boden. Währenddessen entstand im isolierten West-Berlin aus dem Umfeld der frühen Deutsch-Punker, Kunststudenten und New Wave-Begeisterten heraus die Neue Deutsche Welle.


Ursprünglich noch sehr experimentell und nonkonform, entpuppte sich die Neue Deutsche Welle Anfang der 1980er überraschend als der neue heiße Scheiß, der sich an der Spitze der Hitparade neben den großen Importen behaupten konnte. Acts wie Nena, Peter Schilling und Ideal erfreuten sich großer Beliebtheit in der breiten Öffentlichkeit, während Undergroundgruppen wie Die Tödliche Doris, Foyer des Arts, Der Plan, DAF und Palais Schaumburg mehr oder weniger im Fahrwasser mitschwammen und teilweise sogar neben den traditionellen "Schlagerfuzzis" im ZDF auftreten durften. Was entweder dem Versuch der Schlagerszene geschuldet war, nicht die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen oder schlicht alles zu verkaufen das sich verkaufen ließ. Wer's noch ein gutes Stück traditioneller haben wollte, konnte ab 1981 eh den Musikantenstadl von Karl Moik andrehen!


Der bereits in den 1960ern begründete Austropop, welcher sowohl aus dem Schlager als auch dem Alpenrock entstand und durch bekannte Gestalten wie Peter Alexander, Marianne Mendt, Wolfgang Ambros, Georg Danzer, Peter Cornelius uvm die heimische Musikkultur aufbesserte, fand in der Neuen Deutschen Welle ebenfalls einen Nährboden für Interpreten wie DÖF, EAV und Falco. Die Grenzen begannen zunehmend zu verschwimmen. So war beispielsweise Rainhard Fendrich definitiv Austropop, aber viel zu schnulzig für die Neue Deutsche Welle. Auf der anderen Seite des Spektrums, konnte man die Einstürzenden Neubauten schwer in denselben Topf tun, obwohl sie aus derselben Szene wie die Tödliche Doris oder Palais Schaumburg kamen. Unterm Strich ging es in der heimischen Musik während der 80er recht bunt zu. Das Schlimmste sollte erst noch kommen...

   

 





Fortsetzung folgt

#FEEDBACK

von Manuel Waldner 15. Januar 2026
Der Text von "Nóttin talar" (Die Nacht spricht) drückt tiefe Traurigkeit und den Wunsch aus, in die Vergangenheit zurückzukehren. Bilder wie ein versteckter Pfad und ein grauer Spiegel deuten auf eine Innenschau und den Wunsch hin, zur Vergangenheit zurückzukehren. Der Sänger spricht von Erinnerungen, die wie Glut brennen, und unausgesprochenen Worten, und fragt sich, ob Antworten in einer anderen Zeit existieren. Es gibt ein starkes Gefühl der Schuld und den Wunsch, vergangene Fehler ungeschehen zu machen, wobei wiederholt darum gebeten wird, Í GEGNUM TÍMANN (durch die Zeit) zurückzukehren, um Dinge zu reparieren. Das Vergehen der Zeit wird durch fallende Tage und stille Tränen dargestellt, was hervorhebt, dass die Zeit nicht umgekehrt werden kann. Der Sänger träumt von einer zweiten Chance, präsent und liebevoll zu sein. Auch wenn eine Rückkehr unmöglich sein mag und der Schmerz persönlich ist, bleibt die Hoffnung, Dinge richtigzustellen. Das Musikvideo, das drei junge Männer beim Spaß zeigt, steht im Kontrast zu diesen traurigen Texten. Es scheint hervorzuheben, wie schnell die Jugend und diese unbeschwerten Zeiten vergehen und wie Handlungen in der Jugend später zu Bedauern führen können. Die Freude im Video repräsentiert eine Zeit, die nicht zurückgebracht werden kann, und die Texte deuten darauf hin, dass die jungen Männer eines Tages zurückblicken und sich wünschen könnten, sie hätten Dinge anders gemacht. Der Unterschied zwischen den fröhlichen Bildern und den traurigen Worten betont, wie die Zeit vergeht und wie unsere vergangenen Handlungen uns belasten können. Hier gibt es mehr Informationen zum Musikprojekt: https://www.kollektiv-magazin.com/ai-musikprojekt-dominion-protocol
von Manuel Waldner 15. Januar 2026
COCO BARICZ | ARTISTIN | COMEDIAN
von Manuel Waldner 12. Januar 2026
Eigentlich stehen sie in der zweiten Reihe und halten den großen Stars des Landes den Rücken frei. Doch wenn Thommy Pilat und David Pross gemeinsam die Bühne betreten, gehört das Rampenlicht ganz allein ihnen – und ihrem unnachahmlichen Mix aus virtuoser Musik und Wiener Kleinkunst. Wien, 15. Bezirk. Das „Tschocherl“ ist eigentlich ein Ort für die kleinen Momente, doch an diesem Abend wirkt es fast zu klein für die geballte Präsenz, die da auf der Bühne steht. Thommy Pilat und David Pross haben geladen. Wer die beiden kennt, weiß: Hier geht es nicht nur um Noten, hier geht es um das „G’fühl“. Die Edel-Dienstleister treten vor Normalerweise sind die beiden das, was man in der Branche respektvoll „Jobmusiker“ nennt. Hochkarätige Profis, die gebucht werden, wenn der Sound perfekt sitzen muss. Ob als Begleitmusiker für namhafte Austropop-Größen oder in diversen Studioformationen – Pilat und Pross haben in der heimischen Szene längst ihre Spuren hinterlassen. Doch das Duo-Projekt ist ihr Herzstück, ihre kreative Spielwiese. Hier erfüllen sie sich den Traum, die großen Gesten der Popwelt gegen die Intimität der Kleinkunst einzutauschen. Das Ergebnis ist eine Melange aus anspruchsvollem Repertoire und einem Unterhaltungswert, der oft an klassisches Kabarett grenzt. Zwei Originale: Wer sind die Männer hinter den Instrumenten? Thommy Pilat ist in Wien kein Unbekannter. Als Sänger und Gitarrist steht er normalerweise seiner eigenen Formation „Thommy Pilat & Band – Die JÄGER“ vor. Er beherrscht die Kunst, Gefühle in seine Stimme zu legen, ohne dabei ins Kitschige abzugleiten. Im Duo mit Pross übernimmt er den Part des charmanten Erzählers, dessen Gitarrenspiel so präzise wie gefühlvoll ist. David Pross hingegen ist das musikalische Schweizer Taschenmesser des Duos. „Der David kann leider jedes Instrument spielen“, scherzt ein Gast im Video – und trifft damit den Kern. Ob am Bass, am Klavier oder mit seiner markanten Stimme, die jedes Cover zu einem eigenen Song macht: Pross ist ein Vollblutmusiker durch und durch. Seine Vita ist geprägt von der Zusammenarbeit mit zahlreichen Künstlern der Wiener Szene, wobei er oft auch als Produzent und Arrangeur im Hintergrund die Fäden zieht. „Die zwei Bladen“ und der Asterix-Faktor Was den Abend im Tschocherl so besonders macht, ist die Authentizität. Die beiden nehmen sich selbst nicht zu ernst. Mit einer ordentlichen Portion Wiener Schmäh wird über das eigene Gewicht gefrotzelt – ein Insider-Witz, der sogar zu dem (inoffiziellen) Arbeitstitel „Die zwei Bladen“ führte, initiiert von ihren eigenen Partnerinnen. Vergleiche mit Asterix und Obelix oder einem „Brad Pitt in Troja“ (mit einem Augenzwinkern) fliegen durch den Raum. Es ist diese Mischung aus Selbstironie und musikalischer Perfektion, die das Publikum abholt. Man hört Klassiker wie „Ohne Dich schlaf ich heut Nacht nicht ein“ oder „Marlene“, doch in der Interpretation von Pilat & Pross klingen sie nicht nach Kopie, sondern nach einer ehrlichen Hommage. Ein Abend für die Seele Das Fazit der Zuschauer ist eindeutig: „Sensationell“, „authentisch“, „einfach nur geil“. Es ist die Chemie zwischen den beiden „Männern im besten Alter“, wie es ein Fan ausdrückt, die den Funken überspringen lässt. Wenn sie am Ende des Abends „Free Falling“ anstimmen, dann glaubt man ihnen das aufs Wort. Pilat & Pross beweisen, dass man nicht immer die großen Stadien braucht, um große Kunst zu machen. Manchmal reicht ein kleines Lokal im 15. Bezirk, zwei Instrumente und zwei Musiker, die genau wissen, wer sie sind – und was sie können.
von Manuel Waldner 19. November 2025
NASA-BILDERGALERIE: https://science.nasa.gov/solar-system/comets/3i-atlas/comet-3i-atlas-image-gallery/