DARK ODDITIES #3 (ARG EDITION)

Disclaimer: Die hier gezeigten Beiträge enthalten zum Teil erschreckendes, verstörendes Material und schnelle Lichtwechsel die möglicherweise epileptische Anfälle auslösen können.


aus dem Trailer zum Film WTF is Neurocam? von Robert Hely.




Prolog



1997 erschien der Psychothriller The Game von David Filcher, in dem sich ein von Michael Douglas gespielter Geschäftsmann auf ein elaboriertes Spiel einlässt, das sein Leben für immer verändert. Die Gefahren denen er sich aussetzt scheinen allzu real, die Geschichte zu komplex um geplant zu sein. Als der Film in die Kinos kam, steckte das Internet noch in den Kinderschuhen. Dass es einmal genutzt würde um ebensolche "Spiele" auf ein neues Level zu heben, hätte damals kaum jemand für möglich gehalten. Nun, ganz so wie in The Game verhält es sich mit Alternate Reality Games (kurz: ARG) zwar nicht - etwas derartiges umzusetzen wäre schon ein teurer Spaß und ein logistischer Alptraum.


ARGs sind dafür um ein vielfaches raffinierter und kreativer, nutzen diverse Medien in der virtuellen und realen Welt, sowie das Vorstellungsvermögen und didaktische Geschick eines jeden Spielers. ARGs werden auch oft als virales Marketingtool eingesetzt. Wenn beispielsweise in einer Serie oder einem Film eine bestimmte URL gezeigt wird führt diese zu einer tatsächlichen Homepage, die als Plattform für eine Schnitzeljagd nach Hinweisen über den weiteren Verlauf des Programms oder zu anderen Goodies führt. Die wirklich interessanten ARGs sind aber jene, die oft nicht als solche erkennbar sind. Jene die sich um ein dunkles, verstörendes Mysterium drehen. Das Problem dabei ist, dass man nie genau sagen kann, ob es sich dabei wirklich nur um ein Spiel handelt oder um etwas tatsächlich gefährliches, wie einen Kult, eine Terrororganisation oder jemand, der schlicht gutgläubige User in die Falle locken will...





Neurocam



2004 wurde auf einer riesigen Reklametafel in Melbourne, Australien ein rot-schwarzes Plakat angebracht auf dem folgende Worte standen: "GET OUT OF YOUR MIND" und darunter die Internetadresse "www.neurocam.com"  (mittlerweile Offline). Der Link führte zu einer ominösen Seite die gegen den Willen ihrer Besucher ein sehr rätselhaftes Video auf ihre Rechner lud. In diesem wurden mehrere maskierte Personen gezeigt die den Eindruck vermittelten Teil eines Kults zu sein. Die Seite selbst schien nicht dem Zweck zu dienen irgendjemandem irgendwas zu verkaufen. Was seltsam war, da sich allein schon die Miete für die Reklametafel auf 10.000 Dollar belief.


Neurocam stellte lediglich die Möglichkeit in Aussicht sich bei ihnen anzumelden - wofür genau erfuhr man erst, nachdem man sich einer Reihe von Tests unterzogen hatte. Jede Abweichung vom Protokoll führte zum sofortigen Rauswurf aus dem Programm. Wer wissen wollte was hinter Neurocam steckte musste sich wohl oder übel auf die Sache einlassen - keine Fragen! Nach den Tests wurde man mit einigen merkwürdigen Aufgaben betraut: Von der Beschaffung diverser Gegenstände und Informationen, bis hin zu Observierungen und halblegalen Aktionen die an Spionage erinnerten. Während all dem fanden sich weitere Plakate und Flyer zu Neurocam auf der ganzen Welt, dementsprechend international waren die Rekruten und überraschend die Umstände unter denen sie sich trafen.

Die Lösung des Rätsels sollte erst Jahre später kommen. In 2011, mit der Veröffentlichung eines Trailers zur der Dokumentation
WTF is Neurocam? von Robert Hely. Im darauffolgenden Jahr veröffentlichte ROBIN Hely von der Monash University in Melbourne eine Arbeit über Neurocam als soziologisches Kunstprojekt, das sich mit ARGs, Hoaxes, Geheimbünden u.a. befasste.

     





Cicada 3301



Ob es sich bei Cicada 3301 tatsächlich um ein ARG gehandelt hat oder, wie viele glauben, eine Form von Recruitment für das Militär, das FBI oder ein Geheimdienst, ist ungewiss. Bis heute konnte nicht zur Gänze geklärt werden wer hinter dem Projekt stand und was aus ihnen geworden ist. Sicher ist nur, dass sich folgendes zugetragen hat:


< Am 4. Januar 2012 postete ein anonymer User unter dem Pseudonym 3301 dieses Bild auf der Imageboard-Plattform 4chan. In wenigen Minuten entdeckten andere User eine verschlüsselte Nachricht im Quellcode des Bildes, die nach ihrer Auflösung den Link zu einem weiteren Bild preis gab. Dies war erst der Beginn einer weitschweifigen Schnitzeljagd nach Hinweisen die mit viel Verstand und ungeheurer Auffassungsgabe enträtselt werden wollten.


Innert kürzester Zeit verbreitete sich das anfängliche Bild im Internet wie ein Laubfeuer. Viele die das Ganze als nette Spielerei abgetan hatten stellten bald fest, dass mehr dahinter steckte und tatsächlich ein hohes Maß an Intelligenz vonnöten war, um all die Rätsel zu lösen. Die Spuren führten mitunter zu Büchern, Telefonnummern und Webseiten etc. Eine von ihnen zeigte das Bild einer Zikade und einen Countdown. War dieser abgelaufen wurde den Suchenden eine Liste von Koordinaten in fünf verschiedenen Ländern auf der ganzen Welt übermittelt. Wer die Strapazen auf sich nahm dorthin zu reisen fand vor Ort ein Poster mit dem Zikaden-Logo und einem QR-Code. Von dort aus ging die Suche weiter bis man zu einer Homepage kam, die nur einer kleinen Gruppe von Leuten offen stand, die sie zuerst erreichte. Wer zu spät kam wurde mit der Message "WE WANT THE BEST, NOT THE FOLLOWERS" bestraft. 


Was sich danach mit den Finalisten abspielte ist nicht bekannt. Einen Monat später kam schließlich eine weitere Nachricht von 3301: Der Gewinner stünde fest. Was mit ihm/ihr geschehen würde blieb ein Rätsel. Das heißt: Es gab ein paar Leute die behaupteten gewonnen zu haben, doch aufgrund der Natur von Cicada 3301 ist es schwer das zu verifizieren. In den folgenden Jahren gab es weitere Runden, bis es 2017 ruhig um das Projekt wurde.



Strange Dream Surveys



Immer wieder gibt es ARGs die sich um das Sammeln von Erlebnisberichten drehen - insbesonderen seltsame Träume betreffend. Eines der bekanntesten Beispiele nahm 2008 ihren Anfang. Damals mehrten sich Gerüchte das mehrere Menschen auf der ganzen Welt, unabhängig voneinander von demselben Mann geträumt hätten. Zur selben Zeit nahm eine Seite namens Ever Dream This Man? ihren Betrieb auf und zeigte eine Skizze des Mannes (siehe links), gezeichnet von einem angeblich renommierten Psychiater aus New York, der behauptete, er und eine seiner Patientinnen hätten von derselben Person geträumt, wenngleich sie ihm nie begegnet waren. Obwohl This Man zu einem internationalen Phänomen heranwuchs und tatsächlich tausende Menschen behaupteten von ihm geträumt zu haben, stellte sich das Ganze spätestens 2010 als Hoax heraus. Als ein großangelegter Marketing-Stunt des Italieners Andrea Natella. 


Am 30. April 2015 fanden sich in Portland, Oregon zahlreiche Flyer des Williamette Valley Dream Survey mit der Bitte sich zu melden, sollte man "seltsame Träume" gehabt haben. Rief man die angegebene Telefonnummer an wurde man direkt zur Mailbox verbunden, mit der Bitte die Träume so detailliert wie möglich zu schildern. Was die Angelegenheit so mysteriös machte war, dass es offiziell keine Spuren von der Existenz eines Williamette Valley Dream Survey gab und die angegebene Nummer ursprünglich einem deutschsprachigen Sommercamp für Kinder gehörte. 

Fünf Jahre später tauchten ähnliche Flyer in Utah auf, welche diesmal zu einem Happy Valley Dream Survey gehörten. Wer diesmal anrief bekam später eine kryptische SMS zugeschickt: "9 goe̍h 5 ji̍t". Einige Leute auf Reddit und Youtube fanden heraus, dass es sich dabei um einen Code für "September 5th" handelt, was auf den überraschend wachsenden Internetkult um den Reddit-User September5Survivor schließen lässt, der Alpträume vom Ende der Welt hatte. Und zwar am 5. September 2024. Die einzige Rettung für die Welt läge ihm zufolge in unseren Träumen, auch The Sixth Realm genannt. Wie auch immer, es scheint sich beim Happy Valley Dream Survey um eine Nachahmung der Flyer in Oregon zu handeln, die mit dem Zweck angefertigt wurden, möglichst viele Leute auf sich aufmerksam zu machen.




Junko Junsui


2009 nahm eines der kontroversiellsten ARGs aller Zeiten seinen Anfang, das die Grenzen zwischen Realität und Fiktion derart aufweichte, dass es seine Spieler in ernsthafte Gefahr zu bringen drohte. Das Narrativ um eine Elitetruppe genetisch veränderter Superfrauen war hochwertig produziert und brillant in Szene gesetzt. Aber letztlich Fiktion, auch wenn einige der meist dunklen, verstörenden Inhalte gegenteiliges vermuten ließen. Die als Antagonisten herbeigezogene russische Sicherheitsfirma Alfa-Tsentr war jedoch echt und alles andere als erfreut darüber, von Reddit-Usern aus aller Welt mit der Entführung und Folterung junger Frauen beschuldigt zu werden. Was die Sache noch gefährlicher machte war, dass die im ARG verwendeten "Junsui" auf eine real existierende Gruppe von Selbstmordattentäterinnen basierte und am 16. August 2009 auf Facebook die Nachricht "The Junsui - THE ATTACK IS COMING" gepostet wurde. Nur eine Stunde vor einem tragischen Anschlag im russischen Nasran, nahe dem zuletzt vermuteten Aufenthaltsort der echten Junsui. Danach ließen mehr und mehr Spieler die Finger von der Sache, aus Angst in das sadistische Propaganda-Netz irgendwelcher Terroristen geraten zu sein. 

#FEEDBACK

von Peter.W. 24. Februar 2026
2019 wurde auf 4chan dazu aufgerufen Fotos zu posten, die folgenden Kriterien entsprechen sollten: "disquieting images that just feel 'off'" Am 18. Mai reichte ein anonymer User das Foto eines unwirtlichen gelben Korridors ein, das bereits seit mindestens 2011 im Netz kursierte. Dieses wurde am darauffolgenden Tag von einem anonymen User um den Namen Backrooms und folgende Creepypasta ergänzt: If you're not careful and you noclip out of reality in the wrong areas, you'll end up in the Backrooms, where it's nothing but the stink of old moist carpet, the madness of mono-yellow, the endless background noise of fluorescent lights at maximum hum-buzz, and approximately six hundred million square miles of randomly segmented empty rooms to be trapped in God save you if you hear something wandering around nearby, because it sure as hell has heard you. Von da an ging eine Welle der Inspiration durch's Netz. Fans bauten weiter auf dem Mythos auf, kreierten ihre eigenen Bilder, Geschichten, Spiele und Filme. Diverse Internethorror-Channels berichteten über das Phänomen und auch wir vom Kollektiv-Magazin stellten die Backrooms im August 2021 in unserem Artikel Dark Oddities # 13 vor und kamen sogar auf das zugrundeliegende Konzept der Liminal Spaces zu sprechen. Den wirklichen Durchbruch schafften die Backrooms aber am 1. Februar 2022, als der damals 16-jährige Filmemacher und VFX-Artist Kane Parsons aka Kane Pixels das Erste einer ganzen Reihe von Analog Horror-Videos veröffentlichte: "The Backrooms (Found Footage)". Das raffiniert gemachte Nischenprojekt avancierte rasch zur viralen Sensation. Innerhalb eines Monats wurde es 13 Millionen mal angeklickt. Und die Massen hungerten nach mehr!
von Manuel Waldner 11. Februar 2026
Willkommen zum „INFINITI“-Spezial im Kollektiv Podcast! DI Dr. Norbert Frischauf (CERN, ESA, NASA) und Host Manuel Waldner diskutieren die Space- & Science-Highlights des Jahres 2026 und beantworten eure ZuschauerInnenfragen. Nach 50 Jahren Abwesenheit kehrt die Menschheit mit der Artemis-Mission und europäischer Beteiligung endlich zum Mond zurück, um dort eine dauerhafte Präsenz als Sprungbrett für den Mars aufzubauen. Norbert Frischauf beleuchtet die faszinierende Suche nach Leben auf dem Roten Planeten, wo Methan-Vorkommen und unterirdisches Eis auf noch existierende Mikroben hindeuten könnten. Der Podcast taucht tief in die Welt der Physik ein, von der Suche nach Dunkler Materie am CERN bis hin zur kritischen Einordnung der aktuellen Hypes um Kernfusion und Mega-Raketen wie dem Starship. Auch die Grenzen der Künstlichen Intelligenz in der Forschung und die ethischen Risiken von Geoengineering werden schonungslos analysiert. Abschließend gibt es einen Ausblick auf 2026, wo neue Super-Teleskope wie das ELT und James Webb potenziell erste echte Biosignaturen auf fremden Welten entdecken könnten. 01:12 - Rückkehr zum Mond: Das europäische Servicemodul und das neue Artemis-Raumschiff 02:13 - Artemis vs. Apollo: Warum wir nach 50 Jahren wieder fliegen und was anders ist 05:05 - Wasser am Mond: Warum die Pole und der "Halo Orbit" entscheidend sind 07:58 - Sprungbrett Mars: Nuklearantriebe und der Mond als Weltraumbahnhof 11:04 - Der Mars-Rover: Technische Herausforderungen bei -80 Grad Celsius 14:10 - Leben auf dem Mars: Methan als starkes Indiz für unterirdische Mikroben 17:39 - Mega-Raketen: Sinkende Kosten durch Starship und die Grenzen der Physik 22:42 - Dunkle Materie: Was uns Gravitationslinsen und das Euklid-Teleskop verraten 25:28 - Blick ins CERN: Wie Teilchenbeschleuniger den Urknall simulieren 31:44 - KI in der Wissenschaft: Warum Klimamodelle keine "starke KI" sind 37:59 - Robotergesetze: Isaac Asimovs Regeln und die Grenzen moderner Algorithmen 39:20 - CRISPR & Genetik: Warum der medizinische Durchbruch noch Zeit braucht 41:59 - Kernfusion erklärt: Der Unterschied zwischen Laser-Fusion und Tokamak 48:44 - Der neue Super-Collider (FCC): Warum wir eine 20-Milliarden-Maschine brauchen 55:52 - Ausblick 2026: Das European Extremely Large Telescope und die Suche nach einer zweiten Erde Ihr wollt auch eine Antwort vom Profi? Schickt eure Fragen an science@kollektiv-magazin.com . Die spannendsten Einsendungen nehmen wir in die nächste Episode auf! 👉 Vergesst nicht zu abonnieren! Werdet Teil des Kollektivs und verpasst keine unserer Touren, Talks und Eskapaden mehr.
von Manuel Waldner 30. Januar 2026
Die Nächte in Reykjavík flüstern von Maschinen und Träumen. Ein Echo hallt durch die Dunkelheit: "Afrit... Afritvél..." Die "Kopiermaschine" surrt unheilvoll, bereit, mehr als nur Tinte zu übertragen. Sie saugt Sehnsüchte auf, projiziert Bilder auf eine Leinwand der Besessenheit. Eine junge Frau steht im Scheinwerferlicht ihrer Fantasie, eine Königin auf einer Bühne, die nur in ihrem Kopf existiert. Doch der Glanz trügt. Hinter der polierten Fassade brodelt eine dunkle Wahrheit. Eine unheilvolle Entdeckung in der Stille des Kopierraums. Ein Stil kopiert bis ins kleinste Detail – und mit ihm ein Schatten des Endes. Angst kriecht unter die Haut, eine unstillbare Gier nach etwas, das nicht ihr Eigen ist. Warum diese tiefe Traurigkeit im Herzen, wenn die Oberfläche doch so strahlend ist? Sie tanzt auf einem schmalen Grat zwischen Märchen und Realität, unantastbar in ihrer eigenen Welt. Der Kopf hoch erhoben, ein flüchtiger Stern am Nachthimmel. Doch das "La-La-Land", in dem sie lebt, droht zu zerbrechen, ihre Handlungen hinterlassen Spuren der Zerstörung. Ist dieser gefährliche Pfad wirklich der Weg in die Freiheit? Die Maschine flüstert weiter, verlangt nach mehr. Träume sollen kopiert, Strahlen fixiert werden. Nicht nur der Wunsch nach dem Rampenlicht, sondern das Verlangen, das innerste Wesen zu duplizieren – "Afrit, Afritvél, viltu afrita genið?" Willst du das Gen kopieren? Teure Kleider, ein perfekt gestyltes Haar – eine Rüstung gegen die Welt. Die hasserfüllten Blicke prallen ab an einer Mauer aus Ignoranz. Prada als Schutzschild, während in den Casinos von Las Vegas ein riskantes Spiel mit dem Schicksal getrieben wird. Und dann diese Visionen: Einhörner und Engel, ein Kuss am Abgrund, ein Aufstieg in einen violetten Himmel. Ein flüchtiger Moment der Erlösung, in dem die Freiheit in den Augen glitzert. Doch ist es echt? Oder nur ein weiteres Bild, projiziert von der unheimlichen Maschine? Die "Afritvél" läuft unaufhaltsam weiter, eine Metapher für eine gefährliche Suche nach Identität. Eine Geschichte von Besessenheit, von der trügerischen Verlockung der Nachahmung und dem verzweifelten Wunsch, jemand anderes zu sein. Lausche genau, denn in den elektronischen Beats und dem eindringlichen Gesang verbirgt sich eine dunkle Wahrheit über den Preis der Freiheit und die Zerbrechlichkeit des Selbst. Hier gibt es mehr Informationen zum Musikprojekt: https://www.kollektiv-magazin.com/ai-musikprojekt-dominion-protocol
von Manuel Waldner 30. Januar 2026
Vom Rockprofessor bis zur Ex-Politikerin, vom Hit-Produzenten bis zum Kinder-Entertainer: Wir waren zu Gast bei Reinhart Gabriels „Stammtisch für Kunstschaffende“. Ein Blick hinter die Kulissen einer Szene, die vor allem eines braucht: Echte Begegnung. Es ist keine gewöhnliche Podcast-Folge aus dem Wohnzimmer, wo sonst die Wäsche hängt. Diesmal sind wir mittendrin im Geschehen. Der Ort: Ein Raum voller Geschichte(n). Der Anlass: Der Stammtisch für Kunstschaffende. Hier geht es nicht um bloßes Visitenkarten-Tauschen, sondern um das Überleben und Aufblühen in einer Branche, die so hart wie herzlich sein kann. Das Ziel ist branchen- und generationenübergreifendes Netzwerken, bei dem man sofort weiß, „Wer ist wer“. Gastgeber Reinhart Gabriel hat eine klare Mission: Er schafft Räume für Begegnungen und Weiterbildung, damit Menschen voneinander lernen können. Doch was nehmen Künstlerinnen und Künstler konkret vom Stammtisch für Kunstschaffende mit? Reinhart Gabriel betont, dass es neben Theorie und Honorarnoten vor allem um das „praktische Wissen aus meinen letzten 35 Jahren in diesem Musikbusiness“ geht. Besonders am Herzen liegt ihm dabei die mentale Gesundheit: „Jede Menge Tipps und Tricks, wie man das Ganze ohne Substanzen übersteht. Dieses Business.“ Generationenübergreifender Groove Das Besondere am Stammtisch für Kunstschaffende ist der Mix: Hier trifft der Newcomer auf die Legende. Einer dieser Legendären ist Reinhold Bilgeri. Als Rockprofessor, Filmemacher und Autor hat er fast alles erreicht, doch der Antrieb ist ungebrochen. „Künstlerisch treiben mich meine Ideen, die nach wie vor herumkreisen, in meinem Kopf an“ , erzählt Bilgeri. Für ihn ist die Verbindung der Disziplinen ein Glücksfall: „Ich kann einen Roman schreiben und aus dem Roman ein Drehbuch machen [...] und dann am Schluss hast ein Film da.“. Eine Generation weiter – und doch künstlerisch verbunden – ist seine Tochter Laura Bilgeri . Nach sechs Jahren in Los Angeles hat sie im Lockdown ihre Liebe zur Musik entdeckt. Der Wechsel vom Filmset zur Musikbühne war fließend: „Alles Kreative ist wunderschön. Egal, ob es jetzt an einem Set ist [...] oder im Musikstudio“. Dennoch gibt es Unterschiede in der Nervosität. Auf die Frage, was nervenaufreibender sei – Casting oder Live-Auftritt – antwortet sie klar: „Tatsächlich ein Casting [...] Meistens sind diese Caster halt sehr emotionslos [...] Und bei einem Liveauftritt kriegst du gleich ein Feedback.“ Von der politischen Arena auf die Showbühne Einen der wohl spannendsten Karriere-Twists des Abends verkörpert Eva Glawischnig-Piesczek . Die ehemalige Spitzenpolitikerin ist heute auch musikalisch unterwegs. Hilft die Erfahrung harter politischer Debatten gegen Lampenfieber beim Singen? „Absolut. Also so exponiert zu sein wie in einem Parlament [...] In so einer richtigen Arena, in einer Kampfarena bist. Das ist schon eine Spur härter, als auf einer Musik Bühne zu stehen.“ Privat liebt sie Soul und Aretha Franklin – Musik, bei der man auch mal „Achter machen“ kann mit der Hüfte. Das Geschäft mit der Musik: Streaming, Hits und Rechte Doch Romantik allein zahlt keine Miete. Alexander Kahr , einer der erfolgreichsten Hitproduzenten des Landes, gibt Einblicke in die veränderte Realität der Musikproduktion im Streaming-Zeitalter. Die Aufmerksamkeitsspanne sinkt: „Dass der Anfang nie länger wie 3 bis 4 Sekunden sein sollte [...] Sonst bist du sofort weg.“ Dennoch bleibt für Kahr eines entscheidend: Die Persönlichkeit. Die ganz Großen, so Kahr, „haben sich selber nie wichtig genommen“. Damit am Ende auch das Geld stimmt, setzen sich Menschen wie Hans Ecker (AKM-Vizepräsident) und Emanuel Treu (AKM-Vorstandsmitglied) ein. Treu, der selbst den Podcast "Der erfolgreiche Musiker hostet", sieht keinen Widerspruch zwischen Funktionärsarbeit und Kreativität. Im Gegenteil: „Ich bin eigentlich überzeugt davon, dass ich ein besseres Vorstandsmitglied bin. Deshalb, weil ich die Branche hautnah erlebe.“. Ehrliches Feedback: Kinder und der Wiener „Schmäh“ Wer wissen will, ob eine Performance wirklich funktioniert, sollte Christoph Hirschler fragen. Der Kinderentertainer und Zauberer stellt sich täglich der härtesten Jury der Welt. „Wenn es ein Kind nicht interessiert, steht auf und geht oder macht irgendwas anderes.“ Diese Schule der direkten Resonanz hilft ihm auch vor erwachsenem Publikum. Ein Publikumsliebling ganz anderer Art ist Adi Hirschal . Er hat das „Strizzi-Lied“ wieder salonfähig gemacht und sieht darin eine Antwort auf den Zeitgeist: „Die Sehnsucht nach einer Unkorrektheit, die völlig abhanden gekommen ist in der letzten Zeit, weil alles so korrekt ist und so geschniegelt.“ . Sein Rat an die Jungen? Nicht im stillen Kämmerlein bleiben, sondern „Offen zu sein.“. Wien: Mehr als Mozart W24-Journalist Gerhard Koller bestätigt beim Stammtisch für Kunstschaffende, dass Wien seinen Ruf als Weltstadt der Musik zu Recht trägt, sich aber wandelt. Es geht nicht mehr nur um Mozart und Falco. „Gerade der neue Austro Pop [...] ist ein ganz starkes Lebenszeichen.“ . Bands wie Wanda oder Bilderbuch zeigen eine „ganz moderne, neue Art des Wienerischen“. Fazit: Vernetzung ist alles Ob Bildregisseur Axel Hofmann , der live Pannen ausbügeln muss, ohne dass der Zuschauer es merkt , oder das Musik-Duo Pilat & Pross , die sich blind verstehen: Der Tenor des Abends ist eindeutig. In einer Zeit, in der vieles digital und oberflächlich läuft, ist der persönliche Kontakt Gold wert. Der Stammtisch für Kunstschaffende von Reinhart Gabriel beweist: Wenn Menschen ihre Geschichten teilen, entstehen nicht nur Netzwerke, sondern Inspiration für die Zukunft. Die Gäste dieser Ausgabe Reinhart Gabriel: Gastgeber & Seminarleiter Reinhold Bilgeri: Rockprofessor & Multimedia-Künstler Laura Bilgeri: Schauspielerin & Musikerin Hans Ecker: AKM-Vizepräsident Emanuel Treu: Songwriter, Podcaster & AKM-Vorstand Eva Glawischnig-Piesczek: Ex-Politikerin & Sängerin Gerhard Koller: Journalist (W24) Axel Hofmann: Bildregisseur Adi Hirschal: Schauspieler & Intendant Christoph Hirschler: Kinderentertainer Alexander Kahr: Musikproduzent Pilat & Pross: Musik-Duo Sonja Plöchl: Model & Bookerin Credits: Redaktion & Schnitt: Manuel Waldner | Kamera: Marcus Schwemin