COVER HISTORY: RADIOHEAD



In einem vergangenen Artikel sprachen wir über Geodetektive, die anhand geografischer, architektonischer und sonstiger Hinweise den Standort ausmachen können, an dem ein Foto geschossen wurde. Zu diesen zählen auch die selbsternannten "Roadgeeks" des AARoads.com-Forums, die 2017 auf Anfrage von Reddit-User Jordan117 nach der Autobahnabzweigung suchten, die auf dem Albumcover des 20 Jahre zuvor erschienenen OK Computer von Radiohead zu sehen ist. Und sie wurden fündig: Schon nach sechs Stunden war klar, dass sich besagte Abzweigung in Hartford, Connecticut befindet und das Foto aus dem Fenster eines Hotelzimmers geschossen wurde, in welchem Radiohead nach einem Konzert am 20. August 1996 nächtigte.


Verarbeitet wurde das Foto von Stanley Donwood, einem langjährigen Freund und Kollaborateur, welcher an der Seite von Sänger Thom Yorke - in dem Fall meist unter einem Pseudonym wie The White Chocolate Farm - für die grafischen Belange der Band, sowohl in Sachen Cover-Artwork als auch ihrer Homepage verantwortlich zeichnete. Donwood bediente sich gemäß des Albumtitels eines Computerprogramms, um die verwendeten Bilder zu einer interessanten Collage zusammenzufassen, wobei er lieber rearrangierte als die Undo-Funktion zu verwenden. 


Ein weiteres Element des Covers ist ein Piktogramm mit der Aufschrift "Lost Child" wie man es an einem großen Flughafen vermuten würde. Und tatsächlich streckt auch die grafische Darstellung eines Flugzeugs seine Nase von Rechts ins Bild, begleitet von zwei kleinen Figuren deren Gesichter zu klein sind, um sie zu erkennen. Über ihnen hängt ein großes schwarzes X auf blauem Grund. Durch die Invertierung des Autobahnkreuzes kaum noch sichtbar ist ein weiteres, sehr verschwommenes Zweiergespann von Personen. Insgesamt spiegelt das Cover sehr schön die Message hinter OK Computer wider: Die zunehmende Entfremdung und Entmenschlichung durch die Umtriebe von Technologie und Konsumgesellschaft, wie sie in den 25 Jahren seit Ersterscheinen des Albums sichtbar voranschritt, und sich bereits 60 Jahre zuvor in Charlie Chaplin's Stummfilm-Klassiker "Modern Times" erahnen ließ.



Während sich Chaplin zum großen Amüsement seines Publikums durch das Innenleben der Maschine kämpfte, waren in Deutschland 130,000 Arbeiter mit dem Bau der Autobahn beschäftigt und 270,000 Weitere mit der Versorgung der Lieferkette betraut. Dies sollte der große Plan der Deutschen sein, ihr seit der Wirtschaftskrise gebeuteltes Land wieder in Schwung zu bringen. Aber zu welchem Preis? Nicht nur zogen sich diese hässlichen, mehrspurigen Monstren kilometerweit durch's Land, sie ebneten auch einer enormen Umweltverschmutzung und Lärmbelästigung den Weg, die noch über Generationen hinweg Probleme verursachen würden - vom bevorstehenden Krieg der noch grausiger ausfallen sollte als der Letzte, garnicht zu schweigen!   

Interessanterweise erwies sich ausgerechnet der US-amerikanische Präsident Dwight D. Eisenhower als großer Bewunderer des "Reichsautobahn"-Systems und er brachte 1956 den Federal Aid Highway Act auf den Weg, damit auch sein Volk bald rasch und komfortabel von A nach B kam. Einer der ersten Aufträge galt dem Umbau eines guten Stücks der legendären US Route 66 zwischen Chicago und Los Angeles, aus der später die weniger spektakuläre Interstate 44 wurde. Dies war aber bei Weitem nicht die einzige negative Konsequenz des neuen Highway-Systems...



Galten Züge einst als das schnellste und verlässlichste Fortbewegungsmittel, so verlagerte sich der Personenverkehr nunmehr auf die Straßen. Neben Bussen kamen auch Lastwägen stärker zum Einsatz und rissen zunehmend das Transportwesen an sich. Ein herber Schlag für das Bahnwesen, der nicht nur MitarbeiterInnen sondern auch der Umwelt langfristigen Schaden zufügte. Der Tourismus boomte, aber auch nur bei den ganz Großen. Die Kleinstädte bei denen Reisende sonst hielten um sich die Beine zu vertreten, die in den lokalen Geschäften einkauften und Souvenirs mitnahmen, wurden kaum mehr angefahren und verkümmerten zusehends. Die Highways werden dieser Tage auch als Grund für die zunehmende Ghettoisierung afroamerikanischer Nachbarschaften genannt.


Die Autobahn als Segensbringer des Fortschritts und gleichsam dystopisches Instrument, macht in seiner Symbolik auch vor dem digitalen Zeitalter nicht Halt. 1997, als OK Computer erschien war das Internet noch ein relativ neues Konzept. Man sprach - und hört es heut voll cringe - von der "Datenautobahn". Und in gewisser Weise lag man damit garnicht so falsch: Alles geht viel schneller, weiter, länger! Die Welt browst an einem vorbei und man nimmt kaum noch Notiz davon. Wir sind Teil des Großen Ganzen geworden, warum fühlen wir uns dann so allein? Obwohl wir uns näher sind als jemals zuvor, entfernen wir uns immer weiter voneinander. Distanzieren uns emotional und lassen uns von verlockenden Lügen sukzessive auseinandernehmen.

 


#FEEDBACK

von Manuel Waldner 15. Januar 2026
Der Text von "Nóttin talar" (Die Nacht spricht) drückt tiefe Traurigkeit und den Wunsch aus, in die Vergangenheit zurückzukehren. Bilder wie ein versteckter Pfad und ein grauer Spiegel deuten auf eine Innenschau und den Wunsch hin, zur Vergangenheit zurückzukehren. Der Sänger spricht von Erinnerungen, die wie Glut brennen, und unausgesprochenen Worten, und fragt sich, ob Antworten in einer anderen Zeit existieren. Es gibt ein starkes Gefühl der Schuld und den Wunsch, vergangene Fehler ungeschehen zu machen, wobei wiederholt darum gebeten wird, Í GEGNUM TÍMANN (durch die Zeit) zurückzukehren, um Dinge zu reparieren. Das Vergehen der Zeit wird durch fallende Tage und stille Tränen dargestellt, was hervorhebt, dass die Zeit nicht umgekehrt werden kann. Der Sänger träumt von einer zweiten Chance, präsent und liebevoll zu sein. Auch wenn eine Rückkehr unmöglich sein mag und der Schmerz persönlich ist, bleibt die Hoffnung, Dinge richtigzustellen. Das Musikvideo, das drei junge Männer beim Spaß zeigt, steht im Kontrast zu diesen traurigen Texten. Es scheint hervorzuheben, wie schnell die Jugend und diese unbeschwerten Zeiten vergehen und wie Handlungen in der Jugend später zu Bedauern führen können. Die Freude im Video repräsentiert eine Zeit, die nicht zurückgebracht werden kann, und die Texte deuten darauf hin, dass die jungen Männer eines Tages zurückblicken und sich wünschen könnten, sie hätten Dinge anders gemacht. Der Unterschied zwischen den fröhlichen Bildern und den traurigen Worten betont, wie die Zeit vergeht und wie unsere vergangenen Handlungen uns belasten können. Hier gibt es mehr Informationen zum Musikprojekt: https://www.kollektiv-magazin.com/ai-musikprojekt-dominion-protocol
von Manuel Waldner 15. Januar 2026
COCO BARICZ | ARTISTIN | COMEDIAN
von Manuel Waldner 12. Januar 2026
Eigentlich stehen sie in der zweiten Reihe und halten den großen Stars des Landes den Rücken frei. Doch wenn Thommy Pilat und David Pross gemeinsam die Bühne betreten, gehört das Rampenlicht ganz allein ihnen – und ihrem unnachahmlichen Mix aus virtuoser Musik und Wiener Kleinkunst. Wien, 15. Bezirk. Das „Tschocherl“ ist eigentlich ein Ort für die kleinen Momente, doch an diesem Abend wirkt es fast zu klein für die geballte Präsenz, die da auf der Bühne steht. Thommy Pilat und David Pross haben geladen. Wer die beiden kennt, weiß: Hier geht es nicht nur um Noten, hier geht es um das „G’fühl“. Die Edel-Dienstleister treten vor Normalerweise sind die beiden das, was man in der Branche respektvoll „Jobmusiker“ nennt. Hochkarätige Profis, die gebucht werden, wenn der Sound perfekt sitzen muss. Ob als Begleitmusiker für namhafte Austropop-Größen oder in diversen Studioformationen – Pilat und Pross haben in der heimischen Szene längst ihre Spuren hinterlassen. Doch das Duo-Projekt ist ihr Herzstück, ihre kreative Spielwiese. Hier erfüllen sie sich den Traum, die großen Gesten der Popwelt gegen die Intimität der Kleinkunst einzutauschen. Das Ergebnis ist eine Melange aus anspruchsvollem Repertoire und einem Unterhaltungswert, der oft an klassisches Kabarett grenzt. Zwei Originale: Wer sind die Männer hinter den Instrumenten? Thommy Pilat ist in Wien kein Unbekannter. Als Sänger und Gitarrist steht er normalerweise seiner eigenen Formation „Thommy Pilat & Band – Die JÄGER“ vor. Er beherrscht die Kunst, Gefühle in seine Stimme zu legen, ohne dabei ins Kitschige abzugleiten. Im Duo mit Pross übernimmt er den Part des charmanten Erzählers, dessen Gitarrenspiel so präzise wie gefühlvoll ist. David Pross hingegen ist das musikalische Schweizer Taschenmesser des Duos. „Der David kann leider jedes Instrument spielen“, scherzt ein Gast im Video – und trifft damit den Kern. Ob am Bass, am Klavier oder mit seiner markanten Stimme, die jedes Cover zu einem eigenen Song macht: Pross ist ein Vollblutmusiker durch und durch. Seine Vita ist geprägt von der Zusammenarbeit mit zahlreichen Künstlern der Wiener Szene, wobei er oft auch als Produzent und Arrangeur im Hintergrund die Fäden zieht. „Die zwei Bladen“ und der Asterix-Faktor Was den Abend im Tschocherl so besonders macht, ist die Authentizität. Die beiden nehmen sich selbst nicht zu ernst. Mit einer ordentlichen Portion Wiener Schmäh wird über das eigene Gewicht gefrotzelt – ein Insider-Witz, der sogar zu dem (inoffiziellen) Arbeitstitel „Die zwei Bladen“ führte, initiiert von ihren eigenen Partnerinnen. Vergleiche mit Asterix und Obelix oder einem „Brad Pitt in Troja“ (mit einem Augenzwinkern) fliegen durch den Raum. Es ist diese Mischung aus Selbstironie und musikalischer Perfektion, die das Publikum abholt. Man hört Klassiker wie „Ohne Dich schlaf ich heut Nacht nicht ein“ oder „Marlene“, doch in der Interpretation von Pilat & Pross klingen sie nicht nach Kopie, sondern nach einer ehrlichen Hommage. Ein Abend für die Seele Das Fazit der Zuschauer ist eindeutig: „Sensationell“, „authentisch“, „einfach nur geil“. Es ist die Chemie zwischen den beiden „Männern im besten Alter“, wie es ein Fan ausdrückt, die den Funken überspringen lässt. Wenn sie am Ende des Abends „Free Falling“ anstimmen, dann glaubt man ihnen das aufs Wort. Pilat & Pross beweisen, dass man nicht immer die großen Stadien braucht, um große Kunst zu machen. Manchmal reicht ein kleines Lokal im 15. Bezirk, zwei Instrumente und zwei Musiker, die genau wissen, wer sie sind – und was sie können.
von Manuel Waldner 19. November 2025
NASA-BILDERGALERIE: https://science.nasa.gov/solar-system/comets/3i-atlas/comet-3i-atlas-image-gallery/